Gefahrenpotential Cybermobbing - Alle ausser Einhorn



“Alle außer das Einhorn” am GRIPS Theater in Berlin ist ein Stück für Kinder und Jugendliche, das sich mit dem Thema Cybermobbing beschäftigt. Heutzutage läuft ein großer Teil der Kommunikation virtuell ab, wodurch neue Chancen, aber auch neue Gefahren entstehen. Da das Internet so wahnsinnig schnell wächst und immer wieder neue Optionen bietet, ist es oft schwer, Aktivitäten im Netz zu überwachen oder zu kontrollieren, gerade wenn eine große Wissenslücke zwischen der jüngeren und älteren Generation existiert. Das alles ist für die meisten wahrscheinlich keine neue Erkenntnis, doch ist es wichtig, sich mit Cybermobbing und dem Gefahrenpotential des Internets auseinanderzusetzen. Das tut „Alle außer das Einhorn“ zwar, jedoch wirken die Aussagen darin oft sehr plakativ, weshalb das Stück weitestgehend an der Oberfläche der Thematik kratzt.

Vorstellung vom 29. Mai 2017 am Grips-Theater
Rezension von Jessica Müller

Das Bühnenbild ist spartanisch, minimalistisch und es wird eher mit Licht, Schauspiel, Kostümen und Bewegung gearbeitet. Die Charaktere sind jedoch alle ein wenig zu überzeichnet und sehr klischeehaft dargestellt, was meiner Meinung nach der Authentizität des Stückes eher schadet als sie zu bereichern. Ich persönlich denke nämlich, dass Kinder und Jugendliche auch in komplexeren Figuren Anknüpfungspunkte zur Identifikation finden können und nicht einfach immer alles wie auf einem Silbertablett serviert werden muss. Auch Kinder und Jugendliche haben ab einem gewissen Alter die Fähigkeit, selbst zu reflektieren und nachzudenken und würden es wahrscheinlich eher genießen, ein wenig gefordert zu werden.



-Denn wenn Theater eines nicht sein sollte, dann kategorisch-


Diese Überspitzung von Aussagen zieht sich leider durch das ganze Stück. In dem Lied, das die Schauspieler*innen am Ende singen, höre ich im Refrain die Zeilen „Das Mobbing ist kein Staffellauf, hörst du nicht auf, hört's niemals auf […] Say no!“ heraus. Müssen solche einschlägigen und offensichtlich pädagogisch mehr als wertvollen Slogans im Theater sein? Ich denke nicht. Denn wenn Theater eines nicht sein sollte, dann kategorisch. Theater sollte eine Problematik von mehreren Seiten beleuchten, ohne direkt mit dem Finger auf Dinge zu zeigen und sie als „allgemeingültig schlecht“ zu bezeichnen.







Natürlich ist das bei sensiblen Themen wie Cybermobbing schwierig und es ist ganz klar, dass den jungen Menschen hier gezeigt werden sollte, wie mit so einer Situation umgegangen werden kann. Das tut „Alle außer das Einhorn“ auch wirklich gut. Ich persönlich hätte mir aber einfach weniger Vorhersehbarkeit und mehr Tiefe gewünscht, denn auch diejenigen Menschen, die aktiv andere Menschen beleidigen und ihnen das Leben schwer machen, sind nicht einfach immer nur schlechte Menschen. Dass das bei „Alle außer das Einhorn“ nicht wirklich gut herauskommt, wurde an den Buhrufen des Publikums deutlich, als die Schauspielerin, die eben diese Rolle verkörperte, ihren Applaus empfangen sollte. Offensichtlich galten die Buhrufe der Rolle und nicht der Schauspielerin, deren schauspielerisches Talent im Nachhinein auch von vielen Kindern gelobt wurde. Jedoch finde ich allein schon so eine Polarisierung im Theater schwierig.



-donnernder Zwischenapplaus nach einer Rapeinlage-


Man muss „Alle außer das Einhorn“ jedoch zugute halten, dass es durch das Aufgreifen moderner Subkulturen, wie Rap, HipHop und Breakdance doch einen guten Annäherungspunkt an das junge Publikum geschaffen hat. Die Kinder und Jugendlichen erkannten sich aber nicht nur in der Ausdrucksform wieder, sondern auch in den Inhalten. Am deutlichsten wurde dies, als es donnernden Zwischenapplaus nach einer Rapeinlage gab, in der proklamiert wurde, dass das Internet eben der Ort der jungen Generation sei und egal ob es manchen gefällt und anderen nicht – das Internet ist überall und immer präsent, auch offline. Im Stück wird außerdem thematisiert, dass auch Eltern eine große Mitverantwortung hinsichtlich neuer Medien haben, sei es als Vorbild, das selbst nicht ständig am Smartphone rumhängt oder indem echtes Interesse für die Online-Aktivitäten der eigenen Kinder gezeigt wird.



Am überwältigenden Applaus am Ende war deutlich zu erkennen, dass das Stück dem jungen Publikum gefallen hat. Es zeigt Herausforderungen, neue Problematiken aber auch Chancen des Internets auf und möchte sogleich über Gefahren und den Umgang mit solchen aufklären. Das gelingt „Alle außer das Einhorn“ zwar, jedoch hätte ich mir ein wenig mehr Komplexität im gesamten Stück gewünscht. Schließlich heißt es ja nicht, dass nur weil dem Stück mehr Tiefe gegeben würde, die wichtige Botschaft auf der Strecke bleiben muss. Dadurch hätten sich die Kinder und Jugendlichen gleich in kritischem Denken üben können – und das hätte so eine Thematik wie Cybermobbing doch eigentlich mehr als bereichert.

http://www.grips-theater.de/

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